Ich bin auf dem Land in einem Forsthaus aufgewachsen. Umringt von großen, schweren Linden-, Kastanen- und Apfelbäumen wurde die Natur und der Freiraum zu meiner Vorstellung von Bewegung im Raum. Das Natürliche war für mich allgegenwärtig, mein Rhythmus passte sich dem Verlauf der Jahreszeiten an. Der Winter war kalt und der Sommer manchmal so heiß, dass man die Gartenarbeit ruhen lies und sich unter den schattigen Baumkronen ausruhen musste. Das Leben wurde durch die Vorgaben der Natur bestimmt. Die Wände des Hauses waren über einen Meter dick, hatten aber keine Dämmung und so spürte man die Kälte und die Hitze auch im Inneren. Der Beginn meines Studiums und dem damit verbundenen Umzug in eine Stadt kam einem Kulturschock gleich. War die Natur vorher das vorherrschende Element, so war sie nun in kleine Stücke fragmentiert und über die Stadt verstreut, um in den Straßenachsen und zwischen den Häuserwänden hin und wieder kleine Orte des Rückzugs zu bewahren.
Städtischen Gärten fungieren meist als Gegengewicht zur gebauten Umwelt. Gärten haben die Funktion einer grüne Lungen in einer Stadt. Sie ziehen CO2 aus der Luft und geben O2 an die Umgebung ab. Pflanzen kühlen nachweislich die Umwelt. Bäume geben über die Blätter Wasser ab und erhöhen die Luftfeuchtigkeit – es entsteht Verdunstungskälte. Sie verhindern außerdem durch ihre Schatten eine Aufheizung von schweren, massiven Oberflächen wie Beton- oder Backsteinwänden. Diese Art des quantitativen Betrachtung alleine wird dem Thema jedoch kaum gerecht.
Gärten sind durch ihre Präsenz auch kulturelle Objekte. Sie ermöglichen Räume für Kommunikation zwischen den Menschen und sind deshalb das Bindeglied von Natur und Kultur. Dies ist nicht an eine bestimmte Form der Architektur gebunden – auch in den Stadträumen der Moderne sollte der Grünraum kulturell inszeniert und gebraucht werden. Jede Stadt braucht Gärten. Sie ermöglichen die Ausbildung eines qualitätsstiftenden Blicks, der durch das Bild des Flaneurs geprägt ist. Während sich die Gebäude in Farbe, Form oder Geruch nur sehr langsam über Jahrzehnte verändern, verändert sich der Garten mit den Jahreszeiten und gibt dem Menschen dadurch eine Verankerung in Zeit und Raum. Darüber hinaus gleichen Gärten die Reizarmut oder Reizüberflutung der Gebäude aus, da sie simultan mehrere Arten der Komplexität anbieten. Jeder Besuchende kann sich die Komplexität suchen, die er/sie braucht: Schattenspiele, die sich verfärbenden Blätter im Herbst, das Summen der Bienen im Frühling, das Geräusch des Windes, der durch die Blätter weht, vorbeigehende Menschen. Nach dem 1979 veröffentlichen Anforderungsmodell von Karasek, muss der Handlungsspielraum eines Menschen möglichst hoch sein, damit er ruhig oder aktiv, anstatt passiv oder gestresst ist. Diesen Handlungsspielraum vermag ein Garten zu geben. Er kann beruhigend oder belebend sein und deswegen ein Ausgleich zu unserem Alltag, der meistens entweder unter- oder überfordernd ist, sein. Er kann für jeden Menschen individuell sein.
Neben den Kontrasten nach Außen – also zwischen Garten und Stadtraum – gibt es auch Kontraste, die sich innerhalb des Gartens abspielen. In Japan haben Gärten eine besondere Bedeutung in Kombination mit der dortigen Architektur. Das Spiel von Schatten und Helligkeit hat sich dort über die Jahrhunderte zu einem zentralen Element entwickelt. In seinem Buch „Lob des Schattens" geht Tanizaki Jun'ichirō detailliert darauf ein. Dadurch dass der Raum im Dunklen liegt, wirkt der besonnte Garten in den Raum hinein. Diese Art von Kontrast kann beispielsweise auch durch komplementäre Farbgruppen erzeugt werden. Ein beliebtes Material in zeitgenössischen Gärten ist Cortenstahl, der sich durch seine rot-braune Rostfarbe stark vom Grün der Pflanzen absetzt.
Da Gärten als Bindeglied zwischen gebauter Umwelt und gewachsener Umwelt fungieren, ist die Art, wie diese zwei Welten dort aufeinander treffen besonders interessant. Dies wurde in der Historie und in verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlich ausgelebt. Die islamischen Gärten zeichnen sich durch ihren Vielfalt an Obstbäumen aus. Mandeln, Feigen Aprikosen und Datteln sind auch heute noch Sinnbild für ein islamisches Lebensgefühl. Die islamischen Gärten vereinen durch ihre strenge Geometrie einen ökonomischen Umgang mit der kostbaren Ressource Wasser. Dabei spielt die Zahl 4, die unter anderem die vier Himmelsrichtungen oder die vier Elemente beschreibt, eine zentrale Rolle.
Im südlichen Europa finden wir ein ähnliches Klima. Beispielsweise wurden in Griechenland für Götter Gärten als Zeichen der Verehrung angelegt. Philosophenschulen hielten ihre Lehren häufig im Garten ab. Das Wandeln im Garten war für die Philosophen, die sich als Teil der Natur verstanden essenziell.
Die größten Veränderungen und Differenzierungen gab es vermutlich in Mitteleuropa. Mit dem Mittelalter finden sich je nach sozialer Schicht verschiedene Gartengestaltungen. Die Gärten von Mönchen dienten vorrangig dazu Lebensmittel wie Hopfen oder Kräuter anzubauen. Für das Leben in einer Burg bedeutete der Garten während einer Belagerung die Möglichkeit eine Grundversorgung von Nahrungsmitteln. Allen Gärten war jedoch eigen, dass sie sich stark nach außen abschirmten und nach innen orientiert waren.
Wurde die Wildnis im Mittelalter aus dem Garten verbannt, so begann man sie in der Renaissance sie als Teil der Anlage zu integrieren. In der Renaissance veränderte sich der Garten weg von einem Ort des Gebrauchs, hin zu einem symbolischen Ort, der den Menschen als Teil des Natur sah. Deshalb wurde anstelle der starken Ummauerung vermehrt auf terrassierte Ebenen Wert gelegt, um einen möglichst großen Blick in die Landschaft zu erzeugen. Im Barock wurden riesige Gartenanlagen gebaut. Sie symbolisierten die Macht des Herrschers, die auch die Bändigung der Natur beinhaltete. Riesengroße Achsen dominierten das Bild, etwa wie in Versailles, Drottningholm oder Schönbrunn. Als Bühne des Sehen und Gesehen werden wurden dort Feste oder Spiele veranstaltet.
Die Gestaltung eines Gartens sagt auch immer etwas über die Bewohner oder einen Ort aus. Ist es ein alter Garten, der bewahrt und gepflegt wird oder wurde er erst neu angelegt? Ist er öffentlich zugänglich oder nur einer bestimmten Gruppe vorbehalten? Darf man auf die Grünflächen treten oder nicht? Wer trifft sich dort? Spielende Kinder, Familien, Liebespaare? Wofür wird er benützt? Staatsakte, Festivals, Picknicks, Jogging, Mittagspausen? Wird die Natur unberührt belassen oder in Form gebracht? Darf Laub auf dem Boden liegen oder nicht? Wie sieht ein Garten bei Nacht aus? Fühlt man sich dort sicher? Ist er sozialer Brennpunkt und Ort für Drogendeals? All dies sind Möglichkeiten dem Begriff „Garten" eine Tiefe zu geben, der sich einer rein quantitativen Betrachtung entzieht und sich auch über die Jahrhunderte verändern kann.
In einer Zeit, in der die Bevölkerung der Erde immer weiter zunimmt, der Wohnraum in den Städten immer rarer wird, neigen politische und wirtschaftliche Interessen sehr schnell diese noch grünen Oasen für maximale Flächenversiegelung und Gewinnmaximierung zu veräußern. Dadurch riskieren Städte aber Lebensqualität zu verlieren. Auch in New York, wird von potenten Bauträgern immer wieder versucht, die Grenze des Centralparks zugunsten mehr Baufläche zu reduzieren. Gerade im Zuge einer sich immer weiter verschärfenden Klimakatastrophe, dürfen die bestehenden Grünflächen nicht aufgegeben werden – im Gegenteil, sie müssten sogar vergrößert werden. Dies mindert eine Überhitzung der sich immer stärker bildenden Megacities und verbessert die Bedingungen der bereits bestehenden Pflanzenwelt. Das Überleben dieser Pflanzen wiederum hängt stark von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftqualität ab. Auch muss man sich klar machen, dass durch die Globalisierung und Verfügbarkeit Städte in ihrer Architektursprache immer ähnlicher werden. Gärten können helfen die Individualität von Städten zu erhalten und bestehende Qualitäten zum Vorschein zu bringen. Dies kann zum Beispiel durch die Ausbildung eines liebenden, wertstiftenden Blicks entstehen. Ein Blick, der hilft eine Umwelt nicht alleine auf sein Material und Kaufwert zu beschränken. Es braucht Orte, die keinen anderen Zweck haben als Wohlbefinden in den Besuchern auszulösen und Zwischenmenschlichkeit herzustellen. Dafür braucht es Orte des Austausches. Digitale Orte werden dem nicht gerecht, weil sie keine wirkliche Interaktion untereinander zulassen – sie sind durch ihre Reizarmut eher Piktogramme einer Interaktion. Psychologische Untersuchungen zu Digitalen Medien zeigen, dass es für zwischenmenschliches Miteinander einer realen Interaktion bedarf. Gärten sind Teil unserer Kulturlandschaft. Hoffentlich erleben wir in Zukunft eine Rückbesinnung und Wertschätzung eines Gartens – ob privat oder öffentlich.
Die Ideen der barocken Gärten hätten das Potenzial heute wieder relevant zu werden - vielleicht gerade weil sich die politische Situation seit dem grundlegend verändert. Waren früher die barocken Gärten für einzelne Herrschenden, geht heute die Macht vom Volke aus. Mit dem Augenmerk auf den Garten als Symbol für Kultur und Bildung könnte die Politik, Stadtplanung und Architektur viel für die Umwelt und die darin lebenden Menschen bewirken.
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